Jens Lüstraeten


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Marghera

Auszüge aus dem Artikel “In sechs Minuten fallen vier Blätter”, Ingeborg Ruthe,
Berliner Zeitung, 10. April 02

 

Wandfüllend erscheint in Sechs-Minuten-Loops der Eingang einer Tiefgarage an einer Strasse. Der helle Beton ist durchzogen von Wasserflecken, auf denen sich schwärzlicher Schwamm und grünes Moos angesiedelt haben. Über dem Eingang baumeln fünf lange Ruten einer Trauerweide. Dahinter macht das Auge nur noch das undurchdringliche Gebüsch einer verwilderten Grünalage aus. Sanft bewegt der Wind die Weidenäste mit ihren zarten Zweigen und Blättern.

Das meditative Motiv “Marghera” hat der 28-jährige Lüstraeten, Student an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, aus Mestre, der wenig pittoresken Vorstadt Venedigs mitgebracht. In Mestre sind die Architekturen hart und unansehnlich, hier erzählen die Fassaden keine kulturvolle Historie. Das Morbide hat nicht den Charme der historischen, zehn Kilometer entfernten Lagunenstadt. Nach Mestre kommen keine Filmemacher.

Dies hier ist ein Ort der siebziger Jahre-Industrie, die viele ihrer Arbeiter längst Mangels Arbeit in die Erwerbslosigkeit schicken musste. Fabriken und Häuser gleichen der Betonfassade der Tiefgarage, in die während des Drehs kein einziges Auto hineinfährt. Lüstraetens Konzept verzichtet indes auf die symbolische Aufgeladenheit des Moderne-Verfalls. Es verfolgt auch keine direkte Sozialkritik, verstärkt nur den stummen Kontrast zwischen menschengemachter Härte und Tristesse und natürlicher Schönheit.

Der Künstler setzt seine Bildidee zwischen scheinbarem Stillstand und langsamer Bewegung, zwischen einem banalen Motiv und einem Geheimnis, das hinter der Garageneinfahrt zu warten scheint. Dazwischen entfaltet sich Melancholie. Beim Betrachten dieser lautlosen, menschenleeren Szene, beim Aufleuchten einer Lampe im ansonsten unbeleuchteten Garageninneren stellen sich un- weigerlich die Fragen nach der Geschichte dieses Ortes, der Zukunft seiner Bewohner und nach dem Wohin und Warum menschlichen Tuns.

Vier der lanzenförmigen Blätter fallen während der sechs-miütigen Sequenz zu Boden. Der sanfte, aber unwiderrufliche Fall ist das Einzige, was überhaupt geschieht in diesem Video; fast staunen registriert der Betrachter den Vorgang. Es ist als störe das Fallen die ansonsten wie stillstehende Zeit und dehne sie hinein ins mysteriöse, ungewisse Tunneldunkel.

 

Installationsansicht, Büro Spor, Berlin, 2002

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